Zur Zukunft der Identitären Bewegung

Seit einiger Zeit vergeht in Österreich kein Tag ohne neue Mutmaßungen über die Zukunft der Identitären Bewegung. Der Auslöser dafür war eine Spende an Martin Sellner, die von einem aus Australien stammenden Attentäter stammte, der bei einem Anschlag in Neuseeland am 15. März 2019 ein Blutbad anrichtete.

Zur Zukunft der Identitären Bewegung

In Deutschland ist das derzeitige Aufhebens um den Kopf der IB im deutschsprachigen Raum nicht so groß. Doch auch hier stellen sich Fragen zur Zukunft der Identitären Bewegung. Abseits der Anklagen, die in Österreich gegen Mitglieder der IB vorgebracht werden, versucht man weiter mit bewährten, also friedlichen, Mitteln Aufmerksamkeit zu generieren. So sorgten kürzlich in der Hauptstadt Berlin Plakate für Aufsehen, auf denen geschrieben stand: „Geht nach Hause, der Krieg ist vorbei, Syrien braucht euch“

Hierbei handelt es sich um eine typische Aktion der Identitären Bewegung. Und es ist logisch, daß die Hüter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung darauf allergisch reagieren. Über die allgemeine Situation und die Zukunft der Identitären Bewegung sprach Coriolan mit dem Trierer Grupennleiter Johannes Konstantin Poensgen.

Johannes K. Poensgen

Der Schwachsinn um die Spende Tarrents an Martin Sellner

Coriolan: Grüß Gott Johannes, bei Coriolan veröffentlichten wir im letzten Sommer ein Interview mit Dir, und seitdem sind einige Monate ins Land gezogen. Wie hat sich die Situation für die Identitäre Bewegung im deutschsprachigen Raum im Allgemeinen, und in der Region Trier im Speziellen seitdem entwickelt?

Poensgen: Das wichtigste ist, daß die Anklage in Österreich mit einem Freispruch endete. Ansonsten gilt es derzeit vor allem die Mühen der Ebene zu bewältigen. Die stürmische Zeit ist etwas abgeflaut. Die Schockwirkung der ersten Aktionen hat sich verflüchtigt. Wenn heute irgendwo ein Banner aufgehängt wird, dann interessiert das außerhalb der eigenen Echokammer kaum noch jemanden. Wir müssen deshalb inzwischen direkter mit den Menschen ins Gespräch kommen, anstatt nur Schlagzeilen zu generieren. Die IB-Zonen sind ja zu diesem Zweck erdacht worden. Die Ausdehnung des Online-Angebots ist eine weitere Möglichkeit.

Der Schwachsinn um die Spende Tarrents an Martin Sellner hat zwar in Österreich einige Wellen geschlagen, aber hier merkt man wenig davon. Das verflüchtigt sich auch wieder.

„Lese den Volksfreund kaum“

Coriolan: Auf unser Interview gab es eine überraschende Reaktion in unserer altehrwürdigen Lokalzeitung, dem “Trierischen Volksfreund”. Der für Konz zuständige Chefreporter Christian Kremer, verwendete einige Zitate aus unserem Gespräch in einem Nebenartikel über die “Köpfe der rechten Szene in der Region”, indem du als „Nazi“ porträtiert wurdest. Wie und wann hast Du davon erfahren?

Christoph Kremer
Christoph Kremer

Poensgen: Ein Freund hat mir den Link geschickt. Ich selbst lese den Volksfreund kaum.

Coriolan: Ganz wertfrei lässt sich feststellen, dass die Identitäre Bewegung und ihre Vertreter nicht mit der Ideologie kompatibel sind, die in Deutschland vorherrscht. Wenn der bundesdeutsche Rechtsstaat der „Panzer des Multikulturalismus“ ist, wie Du einmal bei Sezession im Netz meintest, sind Identitäre dann nicht zwangsläufig Staatsfeinde?

Poensgen: Wenn Sie den Staat mit der jeweils regierenden Partie gleichsetzen, dann ist jeder Oppositionelle ein Staatsfeind.

Name bleibt als Relikt bestehen

Coriolan: Trägt der Trierische “Volksfreund” seinen Namen (noch) zu Recht?

Poensgen: Nein, aber was tut das überhaupt noch zur Sache? Würden die Mitarbeiter eine neue Zeitung gründen, würden sie sie vermutlich auch selbst anders nennen und das Wort Volk dabei nicht ausbuchstabieren. Der Name bleibt eben als Relikt bestehen, weil eine Umbenennung den Verlust einer Marke bedeuten würde, an die sich das im Schnitt eher ältere Lesepublikum gewöhnt hat.
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Coriolan: Volksbetrüger hatte Coriolan dem Chefredakteur Bernd Wientjes einmal als neuen Namen vorgeschlagen. Für den Fall, dass man sich in der TV-Redaktion ehrlich machen will. Aber Spaß beiseite, der TV ist im Trierer Land definitiv einer der führenden Meinungsmacher, trotz oder gerade wegen der „Krisen“ der vergangenen zehn Jahre. Das manipulative Eingreifen in die politische Willensbildung des Lesers, gehört für die Redakteure der Zeitung zum Tagesgeschäft. Journalisten wie Werner Kolhoff, Steffen Vetter und Hagen Strauß veröffentlichen u. a. dort ihre Leitartikel. Was könnte deren Meinungsmacht schon gefährden?

Poensgen: Das natürliche Ableben von Rentnern.

Regierungen kann man nicht wegdemonstrieren

Coriolan: Wir haben 2019, seit der “Flüchtlingskrise” sind einige Jahre ins Land gezogen, und die Rufe nach Merkels Rücktritt sind deutlich leiser geworden. Woran ist der aufkommende Widerstand gegen das Regime der unbeliebten Kanzlerfrau erstickt?

Poensgen: Erstickt? Niemand hat den Widerstand erstickt. Er ist abgeflaut, aber das war zu erwarten. Regierungen kann man nicht wegdemonstrieren, sie fallen erst, wenn ihre Machtoptionen erschöpft sind.

Coriolan: Ohne Polizeischutz, wären viele Merkel-muss-weg-Demos in westdeutschen Großstädten unmöglich. Einschüchterung und Mobbing beginnen schon in den sozialen Medien. Oder erinnern wir uns an die schrillen Töne bei AfD-Kundgebungen während dem Wahlkampf in Bayern. Rufen wir uns die „Wir sind mehr!“-Aktionen ins Gedächtnis, als Reaktion auf die Proteste in Chemnitz. Das Denunzieren von „Nazis“ ist sowieso an der Tagesordnung. All das kommt nicht nur von der Regierung, und lässt sich unter dem Oberbegriff „Kampf gegen Rechts“ zusammenfassen, dem sich viele Bundesdeutsche verpflichtet haben. Wie sollten sich die Machtoptionen der jeweiligen Bundesregierung erschöpfen, solange der Rückhalt in der „Bevölkerung“ so gewaltig ist?

Die schweigende Mehrheit der Verunsicherten

Poensgen: Welcher gewaltige Rückhalt bitte? Ich bin zwar kein Anhänger der These von der schweigenden Mehrheit, die nur auf den richtigen Impuls wartet, aber die „Wir sind mehr!“ Leute sind eine sich immer weiter radikalisierende Minderheit. Es gibt eine schweigende Mehrheit der Verunsicherten, mancher klammert sich dann an Merkel oder gar die SPD, andere wählen Grün, andere probieren die AfD aus. Die politischen Milieus sind viel volatiler geworden.

Coriolan: Im November 2018 pries die Identitäre Bewegung das neue Album des Rappers Komplott als „alternative patriotische Jugendkultur“ an. Auf Nachfrage bekräftigte die IB, „wir müssen die Jugend dort abholen, wo sie ist.“ Was hältst du von Patriotenrap als Alternative zum kulturellen Hauptstrom?

Poensgen: Ist das in irgendeiner Weise relevant, was ich von Komplotts Musik halte? Wobei das weisze Kaninchen, abgesehen von der Masche mit dieser Schreibweise, nun wirklich nicht so schlecht ist.

„Ich bin doch kein Hip Hop Kritiker“

Coriolan: Die Frage des Musikgeschmacks stellt sich nicht. Relevant wäre, ob Rapmusik mit patriotischem Einschlag für Dich als Ortsgruppenleiter der IB eine Alternative zum kulturellen Mainstream sein kann?

Poensgen: Ich bin doch kein Hip Hop Kritiker.

Coriolan: Die IB in Frankreich hat mit der Gruppe „Les Brigandes“ ebenfalls eine musikalische Alternative jenseits der politisch-korrekten Popindustrie anzubieten. Da werden echte Instrumente verwendet, und keine PC-Beats produziert. Hinter den Musikern steht Joël Labruyère sozusagen Pate. Fehlt der IB so etwas nicht in Deutschland?

Les Brigandes
Les Brigandes

Poensgen: „Les Brigandes“ stammt musikalisch aus dem Chanson und weltanschaulich aus dem katholischen Traditionalismus. Selbst in Frankreich ist das ein Getto, in Deutschland absurd. Ich stehe dieser Gruppe mit großem Befremden gegenüber.

Coriolan: Du hast Dir für dieses Jahr gewünscht, daß Deine Leser versuchen „Verständnis für unseren politischen Gegner aufzubringen“, und der Sezessionshauptmann Kubitschek, schoss sich in einem eigenen Beitrag über den politischen Gegner auf eine „Grüne Elite“ ein. Heißt das, man muss sich in Claudia Roth, oder etwa Corinna Rüffer hineinversetzen?

Die heutigen Machthaber verstehen

Poensgen: Mein Beispiel war damals Frans Timmermans, es ging mir um diejenigen, die in der Lage sind, über ihre eigenen Handlungen zu reflektieren und nicht nur ihren Gefühlchen freien lauf lassen.

Frans Timmermans
Frans Timmermans

Wer diese Leute nicht versteht, wird in die Falle aller Oppositioneller laufen, die an die Macht kommen. Er wird völlig falsche Vorstellungen davon haben, was auf ihn zukommt. Wer die heutigen Machthaber nicht versteht, wird nie die Position verstehen, die er von ihnen erben wird. Die Welt ist viel zu groß um in revolutionären Parolen erfaßt zu werden. Oppositionelle Bewegungen machen sich die Dinge immer zu einfach. Das müssen sie auch. Sie müssen die Aufmerksamkeit auf eine überschaubare Zahl an Mißständen konzentrieren. Aber das ist immer eine Hypothek auf die Zukunft.

Coriolan: In dem Beitrag „Fünf Thesen zum ausbleibenden Ereignis“ in der Sezssion #75, meintest Du einmal, „daß Opposition gegen diesen Status quo nur aus der Position der politischen Bedeutungslosigkeit möglich ist.“ Daran hat sich nichts geändert, wird sich auch so schnell nichts ändern. Welche realistischen Ziele kann man sich mit dieser dürftigen Aussicht setzen?

Viel hängt von den Vereinigten Staaten ab

Poensgen: Ihr Zitat bezog sich auf die außenpolitischen Abhängigkeiten denen jede deutsche Politik heute unterliegt. Kurz: Man kann nicht einfach aus dem „Westen“ austreten, ohne eine sehr fühlbare Gegenwirkung von außen. Deutschland ist kein isolierter Fall. Was das anbelangt hängt sehr viel von den Vereinigten Staaten ab. Dort sind zwar die naiven Hoffnungen, die sich an Donald Trump knüpften enttäuscht worden, aber darüber ist vielleicht mehr ins Rutschen gekommen, als irgendwo in Europa.

Coriolan: Um präziser zu sein, der Status Quo im „Westen“ ist das amerikanische „E pluribus unum“. Der Multikulturalismus ist Staatsdoktrin, von Berchtesgaden bis Christchurch. Nur ein vielseitig ausufernder Bevölkerungsbegriff, dem eine multikulturelle Konzeption zugrunde liegt, garantiert letztlich auch die Menschenwürde, die oberstes Gebot unseres Grundgesetzes ist. Deshalb wird die IB folgerichtig vom Verfassungsschutz beobachtet. Das „rechte Gedankengut“, es ist in den letzten Jahren nicht einfach salonfähig geworden. Stattdessen wurden die demokratischen Reihen geschlossen und gegen die „Faschos“ von der AfD in Stellung gebracht. Sogar erzlinke Meinungsabweichler bleiben in diesem Staat auf der Strecke, erfahren Ausgrenzung und Mobbing wie Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine. Was erhoffst Du Dir unter diesen Umständen mittelfristig für Dich und die IB? Gibt es ein realistisches Ziel, auf das Du hin arbeitest?

Vordringen in breitere Räume

Poensgen: Ich möchte der These widersprechen, daß rechtes Gedankengut nicht salonfähig geworden wäre. Nun, es ist nicht „einfach“ salonfähig geworden. Wir dringen in breitere Räume vor und erleben dabei gleichzeitig schärfere Repression. Beides gehört zusammen und das kann man von der großen Ebene bis ins Persönliche hinein beobachten.

Es wachen immer mehr Leute auf, um diesen ausgelutschten Ausdruck zu gebrauchen. Nach dem Aufwachen sind die Leute vor allem erst einmal verwirrt. Da sehe ich eine große zukünftige Betätigung der IB: Eine Richtung vorzugeben und zwei Dinge zu verhindern, Hilflosigkeit und Kurzschlußreaktionen aus Enttäuschung und Wut. Beides hat mir der Menschenrechtsideologie zu tun, mit der wir alle aufgewachsen sind.

Wenn Leute zum ersten Mal feststellen, wohin uns das gebracht hat sind ihre ersten Reaktionen entweder Hilflosigkeit („Jetzt sind sie nun Mal da – und haben Menschenrechte. Da kann man auch nichts mehr machen.“) oder ein ziemlich wüstes Schlag den Moslem („Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit!“) etc. welches das BRD-Weltbild unangetastet läßt, nur neben Hitler noch Mohammed setzt. Andere Möglichkeiten unsere Lage zu sehen, hat keiner kennen gelernt, der seine Bildung aus unseren öffentlichen Schulen hat.

IB als Grundlage für politische Wende

Coriolan: Wäre es Dir eigentlich angenehm, wenn aus der IB eine echte Massenbewegung entstünde? Angenommen, es käme zu „Aufmärschen“, bei denen Zehntausende Identitäre erscheinen, und aus einer Handvoll Streiter würde nach und nach eine Streitmacht von mehreren hunderttausenden Kämpfern, die mit Leib und Seele dabei sind? Würdest Du einer solchen Bewegung vorstehen wollen?

Poensgen: Die Identitäre Bewegung selbst war nie dazu gedacht eine Massenbewegung zu werden. Sie kann kann und soll jedoch an der Grundlage für eine politische Wende in der breiten Bevölkerung mitwirken.

Zukunft der Identitären Bewegung
identitaere-bewegung.de

Doch auch dann kann ich mir schwer vorstellen, daß daraus einmal eine Massenformierungspartei im Stile der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entsteht. Ich denke auch nicht, daß dieses Konzept heute noch erfolgreich sein könnte.

„Privatidioten entwickeln keinen aufrechten Gang“

Coriolan: Ist es für Patrioten nicht eine gute Option, einfach eine Familie zu gründen, und sich ganz der Biedermeier ins Private zurückzuziehen, um das Eigene zu hochleben zu lassen?

Poensgen: Da gibt es nichts Eigenes zum hochleben lassen! Ich sage das aus persönlicher Erfahrung mit solchen Leuten: Privatidioten entwickeln keinen aufrechten Gang. Entweder werden sie verdruckst, selbst vor den eigenen Kindern, oder versponnene Sektierer, denen die Kinder weglaufen, sobald sie alt genug dazu sind. Dieser Blödsinn von wegen „ich erziehe wenigstens meine Kinder richtig“ funktioniert nicht.

Reaktionäre mit gestörtem Verhältnis zur Wirklichkeit

Coriolan: Wie wenig man als Intellektueller gegen den Lauf der Dinge tun kann, beschreibt Stefan Zweig in seiner Biografie „Erinnerungen eines Europäers“ unnachahmlich. Kurz gesagt: Nichts. Der Mann war vor Ort, als der letzte Kaiser Österreichs sein Land verlassen musste, und er brachte Mussolini dazu, einen Dissidenten zu begnadigen. Im Jahre 1925 meinte er über die Monotonisierung der Welt: „Was immer man auch schriebe, es bliebe ein Blatt Papier, gegen einen Orkan geworfen. Was immer wir auch schrieben, es erreichte die Fußballmatcher und Shimmytänzer nicht, und wenn es sie erreichte, sie verstünden uns nicht mehr.“ Passend dazu schrieb mir Michael Klonovsky vor einigen Monaten, er sei der Ansicht, dass die Völker verloren sind. Kannst Du dem zustimmen, oder glaubst du an eine völkische und kulturelle Renaissance der Europäer?

Poensgen: Stefan Zweig und Michael Klonovsky? Das sind Reaktionäre. Auf die trifft ja der Hohn Frans Timmermans zu, daß sie sich nach einer Vergangenheit sehnen, die niemals war und ihre Zukunft deshalb niemals sein wird. Diese Leute haben ein hochgradig gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit. Deshalb werfen sie Berge von Papier in den Orkan und sonst nichts. Sie beklagen, daß ihnen die Vergangenheit entgleitet, nur hat die Vergangenheit das nunmal so an sich. Wir kämpfen, weil uns die Zukunft gestohlen wird.

Coriolan: Vielen Dank für das Gespräch.

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