„Lebenswerte“ mit Elena Gurevich und Michael Klonovsky

Mit dem Begriff „Soiree“, wird heutzutage das hohe kulturelle Niveau einer Abendzusammenkunft bezeichnet. Wer einmal die Ehre hatte, einem gemeinsamen Auftritt von Elena Gurevich und Michael Klonovsky beizuwohnen, versteht auch, warum das Ehepaar bei seinen Veranstaltungen auf diese Bezeichnung zurückgreift.

Der Stellenwert eines Menschen

Einer Tabelle des Statisik-Portals „statista“ zufolge, haben der Hip-Hop-Produzent Sean Combs, besser bekannt als „Diddy“, und die R&B-Sängerin Beyoncé, als bestverdienende Musiker der Welt, letztes Jahr zusammengerechnet ein Jahreseinkommen von 235 Millionen US-Dollar erwirtschaftet. Bemessen an solchen aberwitzigen Summen, und dem sich daraus ergebenden Marktwert, rangiert das Künstlerehepaar Klonovsky/Gurevich nur unter ferner liefen. Ginge man jedoch nach den Maßstäben des Philosophen Immanuel Kant, der Wichtigkeit auch mit „Gehalt“ und „Vielgültigkeit“ gleichsetzte, würde sich ein komplett anderes Bild ergeben. 

Zur musikalisch-literarischen Soiree „Lebenswerte“ mit Elena Gurevich und Michael Klonovsky, finden sich am Freitagabend im Brahmsfoyer der altehrwürdigen Laeiszhalle zu Hamburg, ungefähr 100 Gäste ein.

Brahmsfoyer
Bildquelle: http://www.wirsind.net/laeiszhalle-brahmsfoyer/

Das Publikum setzt sich exklusiv aus wohlhabenden Vertretern der piekfeinen Oberklasse Hamburgs zusammen. Geringverdiener, also Menschen aus der sozialen Unterschicht, haben den Weg zu dieser Veranstaltung offensichtlich nicht gefunden. Dabei wäre die festliche Abendgesellschaft bei dem spottbilligen Eintrittspreis von € 20,- pro Karte sogar für Hartz-IV-Empfänger erschwinglich gewesen.

Gespannte Vorfreude

Beim Eingang in das barocke Brahmsfoyer finden die Gäste ein kleinen Verkaufstand vor. Es handelt sich allerdings nicht um „Merchandise“ oder „Fanartikel“. Klonovskys Bücher, und die Musik-CDs seiner Frau Elena Gurevich, liegen auf einem quadratischen Holztisch griffbereit. Schon vor dem Beginn der Soiree zeigt der Erfolgsautor dort Präsenz.

Michael Klonovsky
Bildquelle: https://www.causeur.fr/michael-klonovsky-migrants-merkel-zemmour-142208

Als galanter Gastgeber im feinen – höchstwahrscheinlich maßgeschneiderten – Anzug, empfängt er die Besucher ausgesprochen höflich und entspannt. Mit seiner Haltung verströmt der hagere Brillenträger eine Gelassenheit, die dem abgenutzten Begriff „Menschenwürde“ eine leibhaftige Bedeutung zukommen lässt. Es ist naturgemäß ein schmaler Grat zwischen Hochmut und Demut, zwischen Arroganz und Stolz, zwischen Höflichkeit und Blasiertheit. Auf den ersten Blick scheint Michael Klonovsky diesen schwierigen Spagat zu beherrschen.

Über dem Saal liegt eine gespannte Atmosphäre. Die Damen und Herren tuscheln miteinander, manche Gäste halten noch nach besseren Plätzen Ausschau, spielen also Stuhlpolonaise. Wieder andere versorgen sich an dem kubischen und freistehenden Tresen des Brahmsfoyers mit Getränken.

Der Verfasser dieses Beitrags geduldet sich dabei amüsiert, bevor er sich mutig ein Herz fasst, und noch rechtzeitig einen freien Platz in der zweiten Reihe ergattert. Gegenüber ein Schnösel in Jeans und Sakko, dem zu entnehmen ist, dass er sich einstmals als „Sozial-Liberaler“ verstand. Wer könnte es ihm verübeln. Dachten wir in Deutschland nicht sogar einmal mehrheitlich, Rot-Grün bringe die Wende? Der feine Herr gegenüber würdigt unterdessen die Schönheit des bereitgestellten Mobiliars, und beklagt sogleich die fehlende Bequemlichkeit, da sie seinem Bedürfnis zuwiderläuft, sich einfach hinzufläzen.

Klonovskys Grazie

Kurz darauf erscheint Elena Gurevich. Die Grazie der Soiree, schreitet gekonnt auf hohen, schwarzen Absatzschuhen, und in ein enzianblaues, trägerloses Abendkleid gehüllt, zu ihrem Flügel.

Elena Gurevich
Bildquelle: http://www.elenagurevich.com

Mit ihrer strahlenden Schönheit zieht sie die Aufmerksamkeit der anwesenden Damen und Herren in diesem Moment ganz alleine auf sich. Es lässt sich im Nachhinein unmöglich sagen, ob sich im Publikum jemand befand, der nur wegen dem Autor Klonovsky, oder nur wegen der Pianistin Gurevich an dieser Veranstaltung teilnahm. Es ist die Symbiose, die den Reiz ausmacht.

In dem Buch „Männerstreik“ von Helen Smith, vertritt Thomas Hoof in einem anschließenden Essay die These, dass Männer und Frauen im Abendland über Jahrtausende hinweg wie die linke und rechte Hand zusammenarbeiteten. Der Feminismus habe die Komplementarität zwischen den Geschlechtern zerstört. Umso erstaunlicher das Auftreten von Herr Klonovsky und Frau Gurevich: Hier haben sich zwei Menschen vereint, für die das natürliche Rollenverständnis zwischen Mann und Frau eine Selbstverständlichkeit ist. Auch daran zeigt sich: Die Eheleute verkörpern das alte Europa.

Musik und Literatur

Nach einer kurzen Begrüßung und Eröffnung des Autors, der zum Lesen seine Brille abnimmt, setzt die Pianistin Gurevich zu einem Vorspiel an. Dabei kommt es gleich zu einem Missverständnis mit dem Publikum, das schon die einleitenden Worte Klonovskys mit Beifall quittieren will. Die Pianistin wirkt überrascht, und bricht nach dem ersten Takt lächelnd ab, um den Gästen vorab die Möglichkeit zum Applaudieren zu geben. Dann setzt sie erneut zu Chopins Fantaisie-Impromptu op. 66 an. Fortan stellt sie ihr Können unter Beweis, Äußerlichkeiten müssen in den Hintergrund treten. Über Elena Gurevichs pianistische Qualitäten sollten echte Connaisseure urteilen, doch dem Verfasser fällt schnell auf, wie geschickt sie es versteht, die Intensität ihres Spiels mit einem Sforzando zu steigern. Sie versteht es hörbar, ihr Spiel gefühlvoll zu variieren. Verspieler: Fehlanzeige. Hier oder hier können sich Interessierte selbst ein Gehör von ihrer Virtuosität machen.

Die ausgewählte Musik untermalt die literarischen Vorträge von Michael Klonovsky aus seinem Buch „Lebenswerte“ perfekt. Seine Stimme klingt nach einer Mittellage, weder brummend noch piepsig, irgendwo zwischen Bass und Tenor angesiedelt. Er verliest die einzelnen Kapitel fehlerfrei und unterhaltsam betonend.

Zum Thema „High Heels“ gibt es eine Piano-Version von Jacques Offenbachs Cancan-Musik. Passend zum Kapitel über „Wein“, spielt Gurevich das „Trinklied“ aus der weltberühmten Verdi-Oper „La Traviata“. Und zu Klonovskys Ausführungen über „Orgasmen“, interpretiert seine Frau den „Liebestraum“ Nr. 3 von Franz Liszt. Man durchlebt bei der Soiree als Hörer eine Achterbahn der Gefühle, changierend zwischen Freude und Leid, zwischen Enthusiasmus und Melancholie, zwischen Hoffnung und Trauer. Mal ist es zum Lachen, mal zum Heulen. Wenn Michael Klonovsky seine Ansichten über „Italien“ vorträgt, kommen einem die Tränen. Mit nüchterner Klarheit zeichnet er den Untergang des Landes, das für Europa die Wiege der Zivilisation darstellt. Sein Abgesang zerreißt einem förmlich das Herz. Das offizielle Programm sieht als Finale dennoch die „Heiterkeit“ vor, und die Pianistin Gurevich versöhnt den Hörer mit einer spritzigen Interpretation von Wolfgang Amadeus Mozarts „Alla Turca“ aus seiner Klaviersonate Nr. 11.

Resümee der Soiree

Abgestumpfte Zeitgenossen vermissen an so einem Abend womöglich das Laute, Grelle und Schrille, das die Moderne kennzeichnet. In dem Fall wären die amerikanischen Spitzenverdiener „Diddy“ und Beyoncé wärmstens zu empfehlen. Dem Verfasser hingegen wird die musikalisch-literarische Soiree mit Elena Gurevich und Michael Klonovsky für immer in guter Erinnerung bleiben. Nicht zuletzt wegen dem überraschten Ausdruck in den Augen des über Kirchen schwärmenden Atheisten Michael Klonovsky, wenn man sich von ihm mit einem herzlichen : „Gott segne Sie!“, verabschiedet.

 

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