Kubitschek und die Theoriestärke

Götz Kubitschek schreibt in der neuen Ausgabe seiner Zeitschrift Sezession eine romantische Verklärung aus der abgehobenen Position eines Rechtsintellektuellen, dem die Notwendigkeit fremd ist, nur um des Geldes wegen arbeiten zu müssen.

Kubitschek: Konstruktive Theorieschwäche

Die theoretischen Überlegungen des Beitrags „Konstruktive Theorieschwäche“ (Sezession Nr. 82/Seite 8-11), in dem Kubitschek betont unverkrampft darum bemüht ist, sich intellektuell gegen das Lager der Libertären rund um die Monatsschrift „eigentümlich frei“ (ef) zu behaupten, lassen drei zentrale Thesen erkennen:

Götz Kubitschek

1. Das Thema „Ausbeutung“ sei zu vernachlässigen, in unseren Zeiten könne davon keine Rede sein, da die Lohnarbeit „selbst für Luxusgüter hinreiche“.

Hierbei sollte als allererstes definiert werden, was – gemessen an den Zeiten der Über- und Massenproduktion – Luxusgüter eigentlich sind. Zu befürchten steht, dass darunter bei Kubitschek sogenannte „Markenartikel“ fallen, die im Überfluss in den westlichen Demokratien in Supermärkten erhältlich sind. Gewiss sind nicht Pelzmäntel von Gucci gemeint, die für Otto Normalverbraucher unerschwinglich sind. Aber selbst wenn man beispielsweise „Nutella“ als Luxusgut betrachtet, reichte ein Blick nach Frankreich, um zu erkennen, dass Millionen von Menschen sich solche Markenartikel normalerweise gar nicht mehr leisten können. Bei Rabattschlachten kommt es zu Tumulten und Aufständen, bei denen – ganz im neoliberalen Sinne – die Schwächsten wieder die Verlierer sind und zwischen den Ladenregalen niedergetrampelt werden.

Lohndumping, Zeitarbeit, prekäre Arbeitsverhältnisse: Begrifflichkeiten, die weit außerhalb der Vorstellungswelt eines Rechtsintellektuellen wie Götz Kubitschek liegen. Die damit einhergehenden Konsequenzen für das Individuum werden zwangsläufig ausgeblendet und finden keine Berücksichtigung im Gesamtbild. Da es aber in der Realität tatsächlich so ist, dass alle Menschen gezwungen sind, sich unter neoliberalen Wirtschaftsprämissen zurechtzufinden, zeigt sich in der Haltung Kubitscheks nichts weiter als die eiskalte Verachtung des Volkes.

Entfremdung des Arbeiters?

2. Die Existenz von schwerreichen Milliardären, die mittels des entfesselten Kapitalismus die enteignete und besitzlose Masse von Menschen für sich schuften lassen, und ihren Besitz und Reichtum in erster Linie der Tatsache verdanken, dass Zentralbanken und Märkte ungebunden von jeglicher Kontrolle in einem Modus Vivendi operieren, dürfe im Denken eines Rechten keine Rolle spielen:

>>Denn weder der Manager, noch der raffende Renditeprivatier können Größen von Bedeutung sein für denjenigen, der in der „Arbeit“ einen respektablen Teil seiner Weltformungsfähigkeit erkennt. „Du sollst der Rendite keine Macht einräumen über deine Gedanken“, möchte man – Hans Castorp im Zauberberg abwandelnd – ausrufen, oder auch: „der Freizeit“ oder „dem Anspruch auf eine 35-Stunden-Woche“ Denn alles Ressentiment führt nicht dazu, die Entfremdung des Arbeiters von seinem Werkstück auszuhebeln. Es verstärkt sie vielmehr, denn die Arbeit kommt dadurch geradezu dominant als etwas Aufgezwängtes und Bedrängendes zur Geltung, das immer stärker eingekürzt, zurechtgedrückt und aus dem Leben verbannt werden sollte.<<

Hier stellt Kubitschek den Großbanken um JPMorgan Chase und Konzernen wie Apple einen Freifahrtschein aus. Es kommt einer Aufforderung gleich, die Enteignung der Völker voranzutreiben. Die Augen werden vor der Tatsache verschlossen, dass Menschen außerhalb Westeuropas und den USA, oftmals für einen Hungerlohn arbeiten müssen. Der drückt im Endeffekt auch die Löhne der heimischen Wirtschaft oder treibt die Menschen in die Arbeitslosigkeit. Ebenso wird völlig verkannt, dass ein globales Netzwerk hinter dem Neoliberalismus steht, der mit seiner Finanzkraft ungeniert in Stiftungen und NGOs investieren kann, um eine Neue Weltordnung herbeizuführen.

„Dumm ist, wer dumm sein will“

Dies geschieht auf dem „Brachfeld“ von „Kultur, Geist, Lektüre, Erziehung, Familie, Freundschaft“, das zu beackern sich Kubitschek als Neurechter auf die Fahnen geschrieben hat. Aber offenbar erfährt man durch das neuzeitliche und disruptive Wirtschaftssystem beim IfS und dem Antaios Verlag noch nicht genug an Ausgrenzung, Diffamierung und Repressalien. Den kausalen Zusammenhang übersieht der rechtsintellektuelle Denker in seiner Selbstgefälligkeit. Um es mit Heimito von Doderer zu sagen:

„Dumm ist, wer dumm sein will“.

Da lachen die Hühner

3. Absurd und niederträchtig wird es, wenn Kubitschek zur Legitimierung seiner eingeschränkten Weltanschauung ein Bild von Günther Anders bemüht, bei dem der Bauer, der sein Tagwerk ohne zu Murren verrichtet, zur Ikone erhoben wird:

>>Keinem pflügenden Bauern ist es jemals eingefallen, daß er durch das Pflügen Zeit verliere, weil er etwas Monotones tut, etwas, was er schon gestern ebenso getan hat und morgen ebenso tun wird; oder gar deshalb, weil er, wenn er Feierabend macht, keinen neuen Gedanken oder Erlebnisertrag heimbringt; oder schließlich gar deshalb, weil er sich in den Stunden seiner Arbeit überhaupt nicht selbstverwirklicht hat. Da lachen die Hühner. Nichts dergleichen alteriert ihn. Und mit Recht nicht.<<

Es ist wohl richtig, dass ein Bauer nicht an seiner Tätigkeit zweifeln sollte. Dass es ihm aber, sofern er nicht völlig verblödet ist, durchaus einfällt, sich gegen Ausbeutung zu verwehren, steht auf einem anderen Blatt Papier. Überall in der EU, und nicht zuletzt in der BRD, beklagen Landwirte den Preisdruck durch globale Getränke- und Lebensmittelkonzerne. Regelmäßig liefern sich Bauern aus Belgien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden in Brüssel mit der Polizei Straßenschlachten. Die Bauernproteste führen dabei in der Hauptstadt der EU zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Bis nach Schnellroda hat sich das gleichwohl noch nicht herumgesprochen.

Es ist eben etwas völlig anderes, wenn man auf sich auf seinem Rittergut ein paar Kühe zur Imagepflege hält, oder ob die eigene Existenz tatsächlich von einem Bauernhof abhängt. Wie passt es zu den von Kubitschek verächtlich beschriebenen „Opfermienen, in die sich das Ausbeutungsnarrativ als Grundausdruck des Lebens eingegraben hat“, wenn Bauern gegen den ruinösen Preisverfall ihrer Produkte protestieren und die Polizei Tränengas gegen die randalierenden Landwirte einsetzen muss? Greift hier in der Theorie auch Ernst Jünger, laut dem „Gerechtigkeit“ für einen Arbeiter kein Kriterium darstellt?

Destruktive Theoriestärke

Es ist beachtlich, mit welcher Ignoranz Kubitschek als führender Kopf der Neuen Rechten seine vermeintliche Theoriestärke zu vertreten sucht. Einleitend behauptend, dass Rechte die Pflege der „grauen Dame Theorie“ nicht unbedingt nötig haben, zieht er bald darauf alle Register um unter Beweis zu stellen, dass er zu den rechten Denkern gehört, die sich umfassend mit eben jener beschäftigt haben. Das immerhin kann man ihm nicht absprechen.

Zur völligen Farce verkommt sein Aufsatz indes, wenn man zur Kenntnis nehmen muss, dass er in seinen Ausführungen mit keinem Wort auf Steuern zu sprechen kommt. Es handelt sich hierbei um eine eindeutig destruktive Theoriestärke. Da bleibt einem das Lachen im Halse stecken: Der Steuerzahler, und dessen Steuerlast, ist in dem Beitrag „Konstruktive Theorieschwäche“ eine unbekannte, nicht existente Größe.

Gut möglich, dass man darüber bei den Libertären, an die sich Kubitschek insgeheim richtet, doch lachen kann, wenngleich eher aus Schadenfreude. Wer darum bemüht ist. eine ernst gemeinte Entgegnung auf den Libertarismus zu finden, sollte zumindest in der Lage sein, dessen zentrale Kritik zu verstehen. Und die bezieht sich in dem Fall eben, vom Prinzip des Selbsteigentums ausgehend, in der Beschränkung des Staates. Darauf geht der Herausgeber der Sezession zwar ein, aber nur mit der Brille des Konservativen, dem es keineswegs darum geht, die staatliche Machtfülle in Frage zu stellen.

Die Aufgabe des Steuerzahlers

Es ist erst wenige Wochen her, da brachte der konservative Kultautor Michael Klonovsky auf den Punkt, worin in der BRD die Aufgabe des Steuerzahlers seiner Ansicht nach besteht:

Michael Klonovsky
Bildquelle: www.manuscriptum.de

Wir werden mit Billigung der politischen und wirtschaftlichen Eliten erobert – neben der Masseneinwanderung über die Grenzen steht jene in den Kreißsälen –, und der Steuerzahler ist gezwungen, seine ethnisch-kulturelle Verdängung zu finanzieren (die besonders begabten Nationalmasochisten tun dies sogar gern). Dazu muss sich jeder mittelfristig irgendwie verhalten. – verba, 14.01.2018

Solche Erkenntnisse fallen bei Kubitscheks theoretischen Überlegungen ebenso unter den Tisch, wie jeder Ansatz von Antikapitalismus. Es bleibt daher nur zu hoffen, dass sich Mitstreiter wie der Sezessions-Autor Benedikt Kaiser durchsetzen. Der hat erkannt, dass eine Neue Rechte es sich nicht leisten kann, auf eine dezidierte Kapitalismuskritik zu verzichten.

1 Kommentar

  1. Herr Kubitschek gibt in seinem Beitrag zu bedenken, dass es sich bei seinen Ansichten um den “Verblendungszusammenhang des Selbstständigen” handelt, was ich bewusst verschwieg.

    Beim Schreiben dieses Beitrags ließ ich mich unterschwellig von Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz und Neid leiten. Dafür habe ich mich entschuldigt.

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