Die demokratische Denkfalle

demokratische Denkfalle

Kennen Sie das: Sie verfolgen eine Diskussion über Politik, und sogleich treten Sprecher auf den Plan, die der Meinung sind, daß wir in Deutschland nicht (mehr) in einer echten Demokratie leben? Diese überhäufig und überall zu beobachtende Falscheinschätzung der politischen Lage, ist Ausdruck einer kognitiven Täuschung. Die Ursache für diese Fehldiagnose ist die demokratische Denkfalle.

Die Selbsttäuschung der demokratischen Gesellschaft

Zu den weitverbreitesten Irrtümern innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft, gehört die Auffassung, es gäbe in Deutschland keine Demokratie (mehr). Es heißt sehr oft, sie sei abgeschafft. Man sagt, die Demokratie in Deutschland und in der EU, sei nicht echt, oder real. Nicht selten bekommt man zu hören, die Demokratie habe sich in eine Plutokratie, beziehungsweise Oligarchie verwandelt. Mustergültig kann dafür eine politische Lagebeurteilung von Wolfgang J. Koschnick angeführt werden, die 2014 bei dem Internetportal heise.de in dreißig Teilen unter dem Titel “Eine Demokratie haben wir schon lange nicht mehr” veröffentlicht wurde. Es ist wenig sinnvoll, sich näher damit zu befassen.

Wolfgang J. Koschnick
http://lichtstadt.blogspot.com – Wolfgang J. Koschnick

Auf den Kern reduziert, spricht aus Koschnicks wissenschaftlicher Analyse nur das dumpfe Empfinden von vielen Millionen Bundesbürgern, die alle zwangsläufig zu der gleichen Ansicht gelangen, nämlich daß das politische System, das wir in der Realität erleben, nichts (mehr) mit Demokratie zu tun hat. Schließlich entspricht die Realität nicht dem, was man sich in der Theorie unter einer “Volksherrschaft” vorstellt. Das ist der Köder, mit dem man “Wähler” angelt und bei der Stange hält. Dabei zeigt sich, wie stark und mächtig die demokratische Denkfalle ist.

Wie die Demokratie systematisch entschuldigt wird

Das Problem bei dieser massenhaft auftretenden kognitiven Täuschung: Eine ehrliche und brauchbare Systemkritik kann auf diese Weise nie entstehen. Da es die “echte” Demokratie nur in der Theorie und in der Phantasie gibt, muß man letztlich zu dem Schluß kommen, daß das was wir gegenwärtig erleben, die real existierende Demokratie ist. Und somit ist jeder Versuch, daraus ein anderes politisch-formelles System zu zimmern (Oligarchie/Plutokratie/Faschismus/Kleptokratie usw.) nur eine Ablenkung von der Wirklichkeit.

Diese typische, bis zum Abwinken durchexerzierte Umetikettierung, ist im Endeffekt immer eine Entschuldigung der Demokratie, und ihrer Funktionseliten. Wer auch immer behauptet, daß wir nicht in einer “echten”, “realen”, oder gar “lauteren” Demokratie leben, betreibt damit keine Systemkritik, sondern derjenige unterstützt das System mit einem Pardon.

Man findet dafür zahlreiche Beispiele:

Einer Studie zufolge denken mehr als 60 Prozent der Bürger, dass in Deutschland keine echte Demokratie herrscht. – Mehr als 60 Prozent bezweifeln Demokratie in Deutschland

https://www.welt.de – Hans Herbert von Armin

Deutschland ist nach Ansicht des Parteienkritikers Hans Herbert von Arnim keine echte Demokratie mehr. “Das Volk hat fast nichts zu sagen. Wir haben weder Herrschaft durch das Volk noch für das Volk – und damit keine wirkliche Demokratie”, sagte der Staatsrechtsprofessor der “Bild am Sonntag”. –Parteienkritiker von Arnim: “Deutschland ist keine echte Demokratie mehr”

Es wäre leicht, noch viele weitere von diesen Fehldiagnosen aufzuzeigen. Leider steckt hinter all diesen Beurteilungen nur die demokratische Denkfalle. Auch direkte Demokratie, und eine Abkehr von der Parteienherrschaft, wäre nicht das Gelbe vom Ei. Die Schweiz beispielsweise, fußt ebenfalls nur auf zwei Eckpfeilern: Kapitalismus und Liberalismus. 

Die demokratische Denkfalle, und wie man sich daraus befreit

Was “in dem laufenden Grabenkrieg, in dem jede Seite für sich beansprucht, ‘für die Demokratie’ zu kämpfen” (Martin Lichtmesz) völlig untergeht, ist das freie Denken. Eine politische Lagebeurteilung, die immer zu der gleichen Schlußfolgerung führt, braucht kein Mensch.

Martin Lichtmesz
https://ef-magazin.de – Martin Lichtmesz

Die demokratische Denkfalle ist eine wirkungsvolle Blockade, die der geistigen Unabhängigkeit im Wege steht. Um sich daraus zu befreien, bietet sich das folgende Gedankenspiel an:

Nehmen wir an, die Nationalsozialisten und Faschisten hätten den Zweiten Weltkrieg zu ihren Gunsten entschieden. In der Folge hätte das nationalsozialistische Politikmodell sich weltweit durchgesetzt. Nach und nach wären weitere Staaten “nationalsozialisiert” worden, wobei man hier und da mit blutigen Interventionskriegen nachhelfen musste, um widerwillige Staaten und Völker vom Nationalsozialismus zu überzeugen. Im 21. Jahrhundert gäbe es dann nur noch wenige Staaten, die sich noch immer der faschistischen Weltherrschaft widersetzen. Diese handvoll Länder werden von führenden Nationalsozialisten in aller Welt als “Schurkenstaaten” und als “Reiche des Bösen” gekennzeichnet.

Polen als besetztes Pendant zur BRD

In unserem Gedankenspiel, steht Polen nunmehr seit über 70 Jahren unter deutscher Besatzung. Alles, was Agnieszka und Marek von der Wiege bis zur Bahre vorgesetzt bekommen, stammt aus deutschen Quellen. Rund um die Uhr, und sieben Tage die Woche, erzählt man ihnen von der Überlegenheit der nationalsozialistischen Weltanschauung.  Mit Verweis auf seine Geschichte, wird überall der Gedanke verbreitet, daß Polen seinem Schicksal und der schwarzen Madonna von Tschenstochau dankbar sein muß, so edelmütige Sieger gefunden zu haben wie Adolf Hitler und die Nationalsozialisten.

Die Unterhaltungsindustrie feiert die Sieger des Weltkriegs noch heute als gutmütige Helden, und die Verlierer gelten als unmoralische Bösewichte. Die allgegenwärtige Systempropaganda in weiten Teilen der Welt, verleiht nur dem Nationalsozialismus eine staatliche Legitimation. Schulbücher, Lehrpläne, Studieninhalte, Medien, Geschichtsbücher und Unterhaltung folgen diesem monotonen Schema ohne Widerspruch. Radio, Fernsehen, Internet und Kino verbreiten letztlich nur Variationen darüber, wie freiheitsliebend und menschheitsbeglückend die nationalsozialistische Gesinnung ist. Es macht sich bezahlt, wenn man in der Öffentlichkeit als lupenreiner Nationalsozialist gilt.

Dank der nationalsozialistischen Wirtschafts- und Finanzpolitik, erlebte Polen ein “Wirtschafstwunder”, und so haben sich die Menschen mit der Besatzung längst abgefunden. Viele halten die Fremdherrschaft unkritisch für die beste aller möglichen Welten.

Die Folgen der nationalsozialistischen Expansionspolitik

So könnte es noch einmal viele Jahrzehnte weitergehen. Aber das in immer mehr kriegerische Auseinandersetzungen verwickelte Berlin fordert von Polen – mit Verweis auf dessen “historische Verantwortung” – immer höhere und schmerzhaftere Tributleistungen. Die Polen sind erpressbar, denn es gilt als “historische Tatsache”, daß sie im Verlauf des Zweiten Weltkriegs die schlimmsten Greueltaten begangen haben. Ihre Groß- und Urgroßeltern betrachten die heutigen Polen als Verbrecher. 

Die Nebenwirkungen seiner Expansionspolitik lädt das Imperium der Achsenmächte unterdessen in Form von “Flüchtlingen” hautpsächlich in den Städten Polens ab. An Weichsel und Oder wird das Leben nun immer unangenehmer. Der massenhafte und ungebremste Zuzug von Emigranten lässt die Ausländerkriminalität rapide ansteigen, und mehr und mehr konstatiert der normale Pole eine Überfremdung seiner Heimat. So langsam erwachen Agnieszka und Marek aus ihrer dösenden Sattheit, und gelangen zu der Überzeugung, daß es an der Zeit wäre, die Besatzer loszuwerden.

Offener Widerstand ist allerdings unmöglich, dazu sind die Nazis viel zu mächtig. Jeder Bürger muß befürchten, sich außerhalb der gesetzlich verbrieften “nationalsozialistischen Grundordnung” zu stellen, wenn er sich öffentlich gegen den Nationalsozialismus ausspricht. Außerdem haben die Hakenkreuzler das ganze Land von Regierung, Parlament, Militär, Geheimdiensten, Polizei und Justiz völlig unter Kontrolle. Praktisch überall wo man hinkommt, auf Ämtern und in Behörden, sogar im Supermarkt, trifft man auf Nazis.

Widerstandsgeist gegen eine bestimmte Weltanschauung

Es käme in dieser Lage darauf an, einen ausgeprägten Widerstandsgeist zu entfachen. Man muß den Polen klarmachen, daß sie ein völlig falsches und viel zu postives Bild von Deutschland und dem Nationalsozialismus haben. Aber alles was sich an kritischen Ansätzen finden lässt, ist, daß es im Alltag und in der Realität immer mehr gesellschaftliche Verwerfungen und vermeintliches Politikversagen zu beobachten gibt. Alternativen zum menschheitsbeglückenden Nationalsozialismus kennt der normale Pole nicht. Wenn doch, wurde ihm das so vermittelt, daß er nur Ekel vor diesen völlig anders gearteten und menschenfeindlichen Ansichten empfinden kann. Bei der Demokratie, das propagieren Lehrer, Historiker, Journalisten und Politiker einhellig, handelt es sich um die Pest. Kein normaler Mensch möchte damit etwas zu tun haben, oder gar in die demokratische Ecke gestellt werden.

Wenn Marek versucht, die Situation Polens einer kritischen Analyse zu unterziehen, landet er unwillkürlich immer wieder an dem einen Punkt: Polen ist gar nicht (mehr) nationalsozialistisch. Die Probleme kommen nur daher, weil der Nationalsozialismus abgeschafft wurde. Wir brauchen einen echten Nationalsozialismus, nur so kann es besser werden. Nationalsocialism now!, das muß unser Leitfaden sein. Hier hätten wir es mit einer nationalsozialistischen Denkfalle zu tun; die demokratische Denkfalle ist dasselbe in Grün. Und wenn sie nicht gestorben sind, so hoffen Marek und Agnieszka noch viele weitere Jahrzehnte, daß es besser werden wird, wenn ihr ganzes Denken, Reden, Fühlen und Handeln den Vorgaben der nationalsozialistischen Besatzer folgt.

Der Ausweg aus der gedanklichen Sackgasse

So aussichtslos und fatal wie in dem fiktiven Polen, ist die Situation Deutschlands und der Deutschen. Und die demokratische Denkfalle verursacht die gleichen Fehlschlüsse wie bei Agnieszka und Marek. Dennoch: Bevor man daran denken kann, ein gegebenes Herrschaftskonzept zu stürzen, bleibt einem keine andere Wahl als sich geistig und seelisch davon zu verabschieden. Ansonsten fehlen einem die Mittel, um zu erkennen, wie bösartig das System namens Demokratie ist.

Man sollte zumindest in der Lage sein, außerhalb jener eng gefassten Bahnen zu denken, die das herrschende System vorgefertigt hat. Hat man begriffen, daß die Forderung nach “mehr” oder “echter” Demokratie, keine Lösung ist, sondern die Probleme verschärft, dann findet sich ein Ausweg. In letzter Konsequenz meidet man die demokratische Denkfalle, und kann sich daranmachen, eine ehrliche und brauchbare Systemkritik auf den Weg zu bringen.

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